Judo für Sehgeschädigte, - Alexandra Schiesser

Kasachstan: Silber für Carmen Brussig

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Am Internationalen IBSA Judo Grand Prix in Kasachstan gewinnt Judoka Carmen Brussig aus Netstal die silberne Medaille. 

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Zum Internationalen IBSA Judo Grand Prix in Nur-Sultan in Kasachstan waren zahlreiche Sehgeschädigte Leistungssportler/innen aus 22 Länder angetreten. Judoka Carmen Brussig aus dem Glarnerland vertrat wieder als einzige die Schweiz.

Sportklasse J1 oder J2

Die Trainerin aus dem Kampfsportcenter Do-Jigo wurde zur Klassifikation nochmals an diesem Event aufgeboten. Sehkraft von Brussig gilt als Grenzfall zwischen J1(Blinde und Sportler/innen mit weniger als 2,5 % Sehkraft) und J2 (bis max 5% Sehkraft). Die Klassifikationskriterien sind sehr komplex und auf weitere Definitionen aufgebaut. Die einzige Schweizersportlerin in der IBSA wurde nun in die Judo Sport Klasse J2 eingestuft. Diese Entscheidung ist bis 2024 gültig. Die Fachpersonen für die Klassifizierung haben es in der Hand eine faire Grundlage für die beiden neuen Sport Klassen J1 und J2 zu schaffen. Für die Entscheidungsfindung werden unter anderem die vordefinierten eingereichten medizinischen Unterlagen genutzt. Die Richtigkeit der schriftlich eingereichten Messwerte lassen sich aber bei den begrenzten Möglichkeiten vor Ort kaum überprüfen. Man setzt somit auch auf Fairness.

Eine weitere Medaille für die Schweiz

Morgens um 10.00 Uhr am 28. Mai begann der erste Wettkampftag in der Jekpe-Jek Hall in Nur-Sultan. In der Gewichtsklasse -48kg/J2 musste sich Carmen Brussig auf neue Kontrahentinnen einstellen. Die Gegnerinnen vor vier Wochen am Grand Prix Antalya waren alle nicht anwesend. Beim ersten Kampf gegen Hend Mohamed aus Ägypten erzielte Carmen Brussig zwei Waza-Ari Wertung mit je einem Uchi Mata. Die nächste Gegnerin Giulia Pereira aus Brasilien konterte Brussig nach der 60igsten Sekunde mit einem Bilderbuch Uchi Mata. Mit ihrer Ippon Wertung gewann Brussig den 2. Kampf wieder frühzeitig. Gegen die Kokila aus Indien gewinnt Brussig ebenfalls frühzeitig mit zwei Waza-Ari. Die letzte Herausforderung hiess Akmaral Nauatbek aus Kasachstan. Jeder Judoka und Kampfrichter, der die aktuellen IJF Wettkämpfe verfolgt wird hellhörig. Sie kämpfte am 5. Mai 2021 noch an einem IJF Grand Slam der Normalsehenden und steht auf der aktuellen IJF Rankingweltrangliste. Ihre gefährlichen Eindrehhebeltechniken gegen den Ellenbogen werden an Kampfrichterkursen oft gezeigt. Nicht nur das Schweizerteam rätselte, wie man ohne einen Unfall oder Krankheit plötzlich J2 sein kann. «Sie muss ein enormes Talent sein, denn ein Judoka, der plötzlich enorm schlecht sieht, bewegt sich normalerweise nie auf und neben der Matte wie eine Normalsehende. Diese Schnelligkeit und Griffsicherheit als J2 eingestufte Sehgeschädigte Person habe ich noch nie gesehen. » bemerkte Coach Alexandra Schiesser. Wie erwartet fand Brussig noch keine Lösung gegen die ungewöhnlich sehr schnell agierende Nauatbek. Sie verlor die Begegnung klar. Carmen Brussig konnte am Abend hoch verdient ihre Silberne Medaille entgegennehmen und bringt glücklich eine zweite Medaille an einem Internationalen IBSA Judo Grand Prix für die Schweiz nachhause.

Für das nötige Wettkampfgefühl ins Ausland

Im Sehgeschädigten Judo wird der Kampf sofort unterbrochen, wenn der Griff am Judoanzug (Judogi) mit beiden Händen gelöst wird. Durch diese kleine Judo Regelungsanpassung ergibt sich ein anderes Judoverhalten und auch die Angriffsmöglichkeiten verändern sich. Für das «normale» technische Training und für Übungskämpfe haben uns bereits viele befreundete Schweizer Clubs eingeladen. Auch die SJV Kaderverantwortlichen stehen hinter uns und halten uns ihre Türen auf. Da sind wir sehr dankbar dafür, aber für das nötige Kampfgefühl für das Sehgeschädigten Judo beizubehalten, sind für Brussig die wenigen IBSA Internationalen Judo Wettkämpfen leider unverzichtbar. Deshalb geht es nach einigen Tagen Vorbereitungstraining im KSC Do-Jigo, weiter zum Internationalen IBSA Grand Prix in Sao Paulo. Das Ziel und der grosse Traum von Carmen Brussig ist natürlich eine fünfte Paralympics Teilnahme in Paris, dieses Mal aber für ihre Wahlheimat.